Bei der Sichtung von Archivalien der Sammlungen der Stadt Diez ist
kürzlich eine alte, zerbrochene und beriebene Schallplatte besonderer
Art zum Vorschein gekommen. Laut Vermerk auf der Hülle handelt es sich
um eine Aufnahme für den Rundfunk, Reichssender Frankfurt, aus den
1930er Jahren. Als Mitwirkende sind verzeichnet Hermann Baumann, der
zwischen 1934 und 1945 Diezer Bürgermeister war, und Karl Schlau,
Vorsitzender des Verkehrsvereins. Anders als die damals handelsüblichen
Schallplatten ist dieses Exemplar nicht aus schwarzer Schellackmasse
hergestellt, sondern aus Kunststoff, vermutlich PVC.
Nach dem Zusammenfügen der Einzelteile und dem vorsichtigen Abspielen mit einem modernen Gerät stellte sich heraus, dass die Platte mit 78 UpM von innen nach außen läuft, eine Spieldauer von etwa 3¼ Minuten hat und stark abgenutzt ist. Der Inhalt ist eine reine Sprachaufnahme mit drei Personen: Zunächst beschreibt ein Moderator in freundlichen Worten die Topographie der Stadt Diez und ihrer Umgebung. Dann bittet er Bürgermeister Baumann, die Flüsse und einzelne Bauwerke zu benennen, wozu er immer wieder Stichworte gibt. Baumann entwickelt in seinen Ausführungen ein romantisch gefärbtes Stimmungsbild von Stadt und Landschaft, das eindeutig auf die Anwerbung von Touristen zielt.
Aus den abschließenden Worten von Karl Schlau wird deutlich, dass die Aufnahme in der noch friedlich scheinenden Frühzeit der NS-Dikatur entstanden sein muss: Seit der „nationalen Erhebung“ habe Diez „einen ganz wesentlichen Aufschwung im Fremdenverkehr zu verzeichnen“. Die Diezer wüssten selbst nicht, wie schön sie es haben; man müsse mehr „Propaganda machen“ und einiges tun, um den Aufenthalt von Fremden so angenehm wie möglich zu machen.
Die gereinigte und digital überarbeitete, aber immer noch stark rauschende Aufnahme ist sicherlich kein großer Hörgenuss. Wahrscheinlich aber bietet sie die ältesten konservierten Stimmen Diezer Bürger. Sie können die Aufzeichnung mit einem Klick auf den unten stehenden Audiospieler hören.
→ Werbeschallplatte Baumann.mp3
Studioschallplatte des Reichssenders Frankfurt, um 1934. Das auf diese Platte aufgenommene Interview mit Baumann und Schlau konnte in Rundfunksendungen eingespielt werden. Die starke Abnutzung der empfindlichen Platte dürfte auf lange zurückliegende Versuche zurückzuführen sein, sie mit einem mechanischen Grammophon zu Gehör zu bringen.